Ausstattungselemente der Kirche

Wie in der architektonischen Gesamtkonzeption, so spiegelt sich auch in der Ornamentik, in den Skulpturen und Malereien des Wetzlarer Domes das Lebens- und Glaubensgefühl unterschiedlicher Epochen wider. Dies läßt sich sehr schön an einigen besonders augenfälligen Ausstattungselementen verdeutlichen.
Ein Blick in das Gewölbe des Domes zeigt eine wichtige Grundidee der sakralen Kunst des 14. und 15. Jahrhunderts. Dort, wo die Bögen jeweils zusammentreffen, fällt die bunte, farbenfrohe Bemalung auf. Eine Bemalung, die sich im Spätmittelalter bis auf die Konsolen der Pfeiler erstreckte und die Kirche insgesamt in ein fröhliches Wechselspiel der Farben tauchte. Die Verspieltheit der Blattornamentik auf den Kapitellen der Säulen verstärkt diesen Eindruck zusätzlich und verweist so auf das hinter dieser Vielfalt der Farben und Formen steckende Motiv: Kirche als ein Abglanz und Vorgeschmack des Paradieses.
Mit dem Kirchraum erschloß sich dem spätmittelalterlichen Menschen eine Welt, die sich in ihrer hellen, bunten Weite und Größe wohltuend abhob von der grauen Enge seines harten und oftmals beschwerlichen Alltags. So versinnbildlicht die Gestaltung des Raumes die Sehnsucht seiner Erbauer nach der Fülle des Lebens.

Völlig andere Empfindungen weckt dagegen das ausdruckstarke Vesperbild (Pieta) in der Johanneskapelle, direkt neben dem Eingangsportal. Entstanden um 1380, zeigt es die schmerzergriffene Muttergottes mit dem toten Christus auf ihrem Schoß. Auffallend ist hier die auf den Betrachter eher abstoßend wirkende Gestalt des Leichnams mit seinen überproportionierten Händen und Füßen sowie die drastische Darstellung der fast an Aussatz erinnernden Blutstropfen.

Dieses Vesperbild, Ausdruck einer intensiven Leidensmystik, ist auf dem Hintergrund der seit 1348 in ganz Europa wütenden Pest zu sehen, der unzählige Menschen binnen weniger Jahre zum Opfer fielen. Unserer heutigen Kultur der Verdrängung mag es fremd anmuten - aber gerade die bis ins Unästhetische hinein gesteigerte Darstellung des Leichnams Christi vermochte den Menschen jener Zeit wirksamen Trost zu spenden. Wurde ihm doch mit diesem Bild gesagt: 'So tief hat Gott sich in Christus auf das Leiden eingelassen, daß er selbst vom Schmerz entstellt gestorben ist. Kein Leiden ist ihm fremd. Darum darf sich jeder von ihm in seinem Leiden verstanden wissen. Und jede Mutter, die ihr totes Kind beweint, darf sich bergen in den

Schmerz der Gottesmutter über ihren ausgemergelten und entstellten Sohn.'
Noch zwei Jahrhunderte früher, zur Zeit des ältesten noch erhaltenen Ausstattungselementes des Domes, dem in der Nikolauskapelle aufgestellten romanischen Taufstein, wäre eine derartige Darstellung des Gottessohnes undenkbar gewesen. Denn die Romanik war geradezu beseelt vom Gedanken der Hoheit Christi, seiner majestätischen Weltüberlegenheit, die man selbst bei Darstellungen seiner Passion zu bewahren trachtete. Von daher ist das Vesperbild in der Johanneskapelle ein beeindruckendes Zeugnis von der inneren Auseinandersetzung des 14. Jahrhunderts mit dem Leiden. Schmerz und Gott wird hier zum ersten Mal in der christlichen Kunstgeschichte radikal zusammengedacht.

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